Zu viel Sonne und zu wenig Wasser

 Vierter Tag. Schöner Start, aber zuviel Sonne und zu wenig Wasser. Die heutige Strecke sollte 33,1 km lang werden. Tatsächlich waren wir - ohne uns zu verlaufen - 36,8 km unterwegs. Eine Erklärung habe ich hierfür nicht. Wir sind immer den gelben Pfeilen gefolgt. Nun liegt meine Freundin neben mir im Bett mit Schüttelfrost und Sonnenbrand. Ich befürchte, dass sie einen Sonnenstich hat. Ihre Beine sind so rot und heiß, dass dies auch eine Venenentzündung sein könnte. Ich mache ihr jetzt gerade immer wieder warme Umschläge. Kalte verträgt sie nicht und heiße nützen nichts. Ich muss irgendwie eine Möglichkeit finden, um das Fieber zu senken. Vielleicht hilft ihr eine Ibuprofen, die ich ihr gegeben habe. Meinen Vorschlag, sie ins Krankenhaus zu bringen, hat sie nicht aufgegriffen. Okay, warten wir diese Nacht noch ab. Dabei begang dieser Tag einfach traumhaft. Um 7:00 h ging der Wecker. Weil unsere Unterkunft erst um 8:30 h Frühstück serviert, stellte uns die Wirtin schon am Abend vorher etwas zurecht. Alles selbstgemachte Sachen und ausgesprochen lecker. Wir packten sie ein und gönnten uns eine ausgiebige Pause am Wegesrand. Es war von Anfang an warm, so dass ich mich dazu entschloss, sofort in kurzen Sachen los zu laufen. Svetlana wählte für sich erst einmal ein langes Outfit. Unser Start war in Barcelos. Diese Stadt gehört aus meiner Sicht zu den schönsten Stationen des portugiesischen Santiagoweges. Die Einheimischen erzählen dort gerne eine wundersame Geschichte um einen gebratenen Hahn. Dies hat dazu geführt, dass der Hahn heute als ein bekanntes Wahrzeichen für ganz Portugal gilt. Nach einem stärkenden Kaffee wanderten wir los. Es dauerte ewig, bis wir die Stadt hinter uns ließen. Überall sah Svetlana Sehenswertes, bestaunte dies und das, jubelte über jeden Geruch und jede Pflanze. Auch ich erfreute mich über viele Kleinigkeiten am Wegesrand, ohne alles gleich persönlich "begrüßen " zu müssen. Das liegt mir dann doch nicht. "Guten Morgen Baum und guten Tag Stier, danke dass ich Euch wahrnehmen durfte und danke, dass ich das erleben darf". So ist eben meine Begleiterin und darum liebe ich sie ja auch. Sie kann sich an kleinen Dingen erfreuen, welch eine seltene Gabe. Nur so kommen wir nicht vorwärts. Nach dreieinhalb Stunden hatten wir eine Etappe zurück gelegt, die für zwei Stunden geplant war. Und nicht zwei Stunden Eiltempo, sondern mit ca. 4 km in der Stunde. Wir hätten einen Zahn zulegen müssen, taten wir aber nicht. Eine Pause reihte sich an die andere. Wir kauften Wasser, aßen Eis und spendierten uns ein Stück Kuchen etc.  Irgendwann wurde es so heiss, dass sich auch Svetlana begann, auszuziehen. Ich sagte ihr noch, sie solle sich eincremen. Dies tat sie aber leider viel zu spät. Die logische Folge war ein heftiger Sonnenbrand, zu dem sich zu allem Überfluss noch eine Allergie gesellte. Beim letzten Wasserstop beratschlagten wir, ob wir ein Taxi rufen sollten, entschieden uns letztlich jedoch dagegen. Eine Fehlentscheidung, wie sich später herausstellte. Auf der weiteren Strecke gab es keine Möglichkeit mehr, auf ein Taxi oder auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Svetlana ging es zusehends schlechter. Sie schleppte sich nur noch vorwärts und bekam noch während unserer Wanderung Schüttelfrost. Es war weder eine Wasserstelle noch eine Menschenseele in der Nähe, kein Auto, was wir hätten anhalten können. Mir war echt mulmig zumute. Zuviel Sonne und zuwenig Wasser kann gefährlich werden. Die Schönheiten der Natur nahm ich nur noch am Rande wahr, ich konzentrierte mich auf meine Freundin. Super dankbar war ich, als wir gegen Ende unserer Etappe dann doch noch auf einen Autofahrer trafen. Dieser erkannte den schlechten Zustand von Svetlana und brachte uns in eine Jugendherberge. Dort trank sie erst mal tüchtig und aß ein Stück Pizza. Jetzt schläft sie. Mal sehen, wie es morgen weiter geht.