Fünfter Tag. Porte de Lima - Tui. An diesem Morgen schliefen wir erst einmal aus. Meine Erleichterung war groß, als ich feststellte, dass meine Freundin sich über Nacht deutlich erholt hatte. Nach dem Frühstück ging es wieder zu Fuß los. Wir waren ja gestern in einer Jugendherberge untergekommen. Ein Autofahrer hatte uns aufgegabelt. Ich gehe davon aus, dass er erkannt hatte, in welchem Zustand sich meine Freundin befand. Es waren gut 3 km, die er uns fuhr. Heute, wo es ihr wieder besser geht, ist ihr Lachen zurück. Sie meinte: "Silvia, als ich jung war, habe ich auch Autos angehalten. Sie hielten, weil ich schöne Beine hatte. Heute halten sie immer noch wegen meiner Beine an, jetzt aber, weil sie so schrecklich aussehen und sie bei den Fahrern deshalb Mitleid auslösen. Also, auf meine Beine kann ich mich verlassen." Gut gelaunt zogen wir also Richtung Fluß und Ponte de Lima. Mich fasziniert dieser Weg am Lima entlang. Eine unendliche Ruhe und Zeitlosigkeit strahlt dieser Weg aus. Der Fluss fließt ruhig daher. In der Ferne kann man die alte römische Brücke sehen, die sich im Wasser spiegelt. Wer hier die Muse hat, ruhig zu sitzen oder langsam zu gehen, kann spüren, wieso die Römer diesen Fluss Rio Lima nannten. Übersetzt bedeutet dies "Fluß des Vergessens". Obwohl die Römer sehr abergläubisch waren, bauten sie eine Brücke über den Fluss. Sie glaubten, wer auf die andere Seite des Flusses gelangt, vergisst alles und findet nie wieder zurück. Ich hatte mir ja gestern schon Blasen gelaufen und hoffte, dies beim Überqueren zu vergessen. War aber leider nicht so. Jeder Schritt tat höllisch weh. Da war kein Vergessen. Mir war klar, entweder spüre ich es irgendwann nicht mehr oder ich muss mich am Abend mit Alkohol betäuben. Ich betäubte mich am Abend mit sehr viel Alkohol. Aber soweit sind wir noch nicht. Wie so vieles in Portugal ist auch Ponte de Lima sehr alt. Die Kelten legten hier schon eine Siedlung an. Die Römer erweiterten diese und bauten die Brücke. Ein Teil der Brücke ist aber aus dem Mittelalter. Diese Brücke diente den Römern als Militärweg. Heute nutzen zahllose Pilger diese Flußquerung auf ihrem Weg nach Santiago. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen, ist der Blick zurück einfach großartig. Ich warf einen letzten Blick zurück nach Ponte de Lima mit ihren malerischen Häuserfassaden und alten Steinbauten. Diese Stadt hat auch eine sehr schöne und geschichtlich interessante Altstadt. Auch sie gilt für mich als eine der schönsten Städte Portugals. Eines ist sie ganz gewiss, nämlich die älteste Stadt Portugals. Vor ein paar Jahren traf man hier fast nur Einheimische und Pilger, nur ganz wenige Touristen. Dies hat sich zu meinem Bedauern geändert. Heute boomt hier der Tourismus. Das Gesamtbild der Stadt leidet hierunter. In der Nähe der Brücke wurden große Parkplätze angelegt, die den Blick zurück auf die Stadt nachhaltig stören. Unser Weg führte von Ponte de Lima recht schnell in eine sehr abwechslungsreiche Natur mit vielen verträumten Bächen, Wasserfällen und einer vielfältigen Pflanzenwelt. Hier kommt beim Wandern so richtig Freude auf. Für mich ist dieser Abschnitt einer der schönsten auf der Strecke von Porto nach Spanien. Die EU unterstützt seit einigen Jahren den Ausbau des portugiesischen Jakobsweges. Meines Erachtens beeinträchtigen diese Maßnahme den früheren Flair der Wege und schaden somit mehr als sie nützen. Viele traditionelle Pfade sind nun breite Wege, weiche Waldböden mussten harten Stein- oder Teerwegen weichen. Sogar die Pflanzenwelt wurde streckenweise zurück gedrängt.  Die tiefen ins Grün geschlagenen Narben sind nicht zu übersehen. Ein Nebeneffekt ist, dass niemand mehr Angst haben muss, im Vorbeigehen von einer Zecke befallen zu werden oder einer Schlange zu begegnen. Nur die Eidechsen und Salamander haben sich zum Glück nicht vertreiben lassen. Dieser Weg von Ponte de Lina nach Tui ist aber trotzdem immer noch einer der schönsten naturnahen Wanderwege auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago. Die Strecke ist ca. 33 km lang, aber jeder Schritt lohnt sich. Nach jeder Kurve gibt es etwas Neues  zu entdecken. Lachen musste ich bei einer Schluchtüberquerung. Dort stand auf Deutsch ein Warnschild mit der Aufschrift "Vorsicht, gefährliche Brücke". Lachen musste ich deshalb, weil es in Portugal so gut wie nie vorkommt, dass irgendeine Sehenswürdigkeit bzw. ein Bauwerk auch in deutscher Sprache erklärt wird. Man findet auf Hinweistafeln eher seltsame Schriftzeichen als in Deutsch verfasste Erläuterungen. Aber dieses Schild war in Deutsch und zwar nur in Deutsch. Ich denke, da haben sich deutsche Gutmenschen dazu berufen gefühlt, die Welt in deutscher Sprache auf die Gefährlichkeit des Übergangs hinweisen zu müssen. Ganz ehrlich, wer vor dem "Bauwerk" steht, erkennt auf den ersten Blick, dass das Überqueren nicht ganz risikolos ist. Vor Jahren lag hier nur ein Eisenträger, über den man Balancieren musste. Heute ist daneben ein genau so schmaler Betonsteg mit einem Seil zum Festhalten angebracht. Ich glaube nur nicht, dass das Festhalten im Ernstfall etwas genützt hätte. Aber egal, die Deutschen haben schließlich vor der Gefahr gewarnt. Das anstrengendste und anspruchsvollste Stück war dann der Aufstieg zum Serra de Labruja. Dieser Name soll sich von "laborioso" ableiten, was soviel wie mühsam oder anstrengend heißt. Es war sehr mühsam und sehr anstrengend, aber wirklich lohnend. Von dort oben sieht man gegen Norden die Berge Galiziens, zurückblickend die schöne Hügellandschaft Portugals. Noch heute werden wir Portugal verlassen und über die "Internationale Brücke" Spanien betreten. Wer diesen Weg nachgehen möchte, sollte sich auf jedenfall zwei Tage Zeit für die Erkundung der auf dem Weg liegenden Stadt Valenca nehmen. Leider hatten wir diese Gelegenheit nicht, da wir uns vorgenommen hatten, in Spanien als erstes sofort ein Krankenhaus anzusteuern. In Portugal war schließlich immer noch Feiertag, so dass medizinische Hilfe nur eingeschränkt zu erhalten war. Uns war wichtig, die Probleme mit Svetlanes Beinen abzuklären. Der Zustand hatte sich beim Wandern verschlechtert. Die Frage war, ob wir weiter laufen können oder abbrechen müssen. Hatte uns in Portugal hauptsächlich die alte Kultur und die Natur beeindruckt, so waren es hier in Spanien auch die Menschen. Die ersten, die wir nach dem Weg ins Krankenhaus fragten, nahmen sich kurzer Hand die Zeit, uns persönlich dort hinzubringen. Auch im Krankenhaus versuchte man uns so schnell wie möglich und sehr freundlich zu helfen. Der Arzt amüsierte sich mit uns über unsere Sprachversuche und "versagte" dann selbst beim Übersetzungsprogramm. Irgendwie gelang uns die Verständigung dann doch. Diagnostiziert wurde eine starke, aber nicht gefährliche Allergie. Der Arzt gab uns für die weiteren Etappen grünes Licht. Fast tanzten wir vor Freude im Behandlungsraum. Danach brachen wir zu unserer Herberge auf und verliefen uns dabei mal wieder hoffnungslos. Rechts und links sind nicht meine Stärke, Svetlanas aber auch nicht. Also fragten wir einen Spanier, ob er uns den Weg zeigen könne. Konnte er. Er holte kurz entschlossen sein Auto und fuhr uns hin. In der Herberge fragten wir den Herbergsvater, wo wir essen könnten. Auch er bot sich spontan an, uns in ein Restaurant zu fahren. Dann schlug er sich vor dem Kopf und meinte lachend, er habe gar kein Auto. Er zeichnete uns deshalb den Weg auf einer Karte ein. Wir wären keine Frauen, wenn wir damit ans Ziel gekommen wären. Irgendwann landeten wir an einem Fluss und fragten entnervt ein junges Mädel nach dem Weg. Diese holte zunächst ihre Mutter, dann ihre Schwester und schließlich ihre Tante zur Hilfe. Alles ohne Erfolg. Die Karte und die Zeichnung waren aus Frauensicht nicht zu entschlüsseln. Erst als auch die Männer der Familie hinzu kamen, konnte langsam Licht ins Dunkle gebracht werden. Sie zeigten uns sowohl unseren Standort als auch den weiteren Weg zu unserem Ziel. Lange hielt unsere Orientierung jedoch nicht an. Wie war das hier nochmal? Rechts oder links? Wie müssen wir die Karte nochmal halten? Zum Glück trafen wir einen jungen Mann, dem wir die Karte vor die Nase hielten. Er sah uns an, er sah die Karte an, schüttelte den Kopf und fragte, wo wir denn eigentlich hin wollten. Wir nannten den Namen des Lokals. Er lobte unseren guten Geschmack und erklärte, auch er sei auf dem Weg dort hin. Wir nahmen seinen Begleitservice gerne an und folgten ihm. Die Restaurent-Empfehlung war super. Das Essen war sehr, sehr lecker, das Bier und der Wein ebenso. Zur Herberge fanden wir dann alleine zurück. Wir liefen einfach immer gerade aus. ???