Und auf einmal war es Frieden.

 Tag Neun. Unsere letzten 16 km nach Santiago. Heute Morgen war es mal wieder wie jeden Morgen. Über Nacht hatten wir uns (fast) völlig regeneriert. Unser Kopf wollte weiter und unser Körper auch. Nur die Füße und Beine machten Probleme, doch darauf konnten und wollten wir keine Rücksicht nehmen. Die Parole hieß also: Neue Blasenpflaster aufkleben, Creme auf den Ausschlag auftragen und auf zum Endspurt nach Santiago. Als wir aus der Unterkunft kamen, war schon ein fröhliches Treiben der Pilger zu sehen. Wo kamen die denn auf einmal alle her? Soviele wie heute hatten wir auf der ganzen Tour noch nicht gesehen. Das sollte also unser letzter Tag auf dem Weg zu unserem Ziel sein. Es kam so etwas wie Wehmut auf, aber auch Freude, es in Kürze geschafft zu haben. Die Gefühle fuhren Achterbahn: Vorfreude auf die Familie, Dankbarkeit, eine so tolle Erfahrung gemacht zu haben und die Sehnsucht, einfach weiter zu laufen. Viele widersprüchliche Gefühle gaben sich die Hand. Ich sah in die Gesichter der Pilger, die heute unterwegs waren. Die meisten Gesichter strahlten vor Freude, einige rannten regelrecht nach Santiago. Unser Etappe führte 16 km permanent bergauf, so als wolle der Weg uns noch einmal alles abverlangen. Für die Mühen wurden wir allerdings von der Natur mit ihrer bunten Vielfalt entschädigt. Interessant war zu beobachten, dass sich die Menschen auf den letzten Kilometern wieder näher kamen. Sie begrüßten sich lachend, teilten sich einen Schattenplatz oder boten sich Kleinigkeiten zum Essen an. Das Sprachengewirr war beeindruckend und führte mir vor Augen, aus wie vielen Nationen sich der Pilgerstrom zusammen setzte. Neben Pilgern aus zahlreichen europäischen Ländern waren auch Menschen aus Südamerika, Asien und  - kaum zu glauben - auch aus dem arabischen Raum unterwegs.  In den Augen der vielen Menschen war nichts zu spüren von Fremdheit, Angst oder Vorurteilen. Man gab sich die Hand, wünschte sich von Herzen alles Gute und wusste doch, dass es ein Wiedersehen wahrscheinlich nicht geben würde. Nur wenige trafen wir später noch einmal vor der Kathetrale, im Café oder beim Andenken kaufen. Es waren alles freudige und herzliche Begegnungen. Jeder hatte so seine Geschichten zu erzählen. Svetlana und ich ließen uns auf den letzten Kilometern treiben und drosselten bewusst das Tempo. Wir wollten so unser Ankommen verzögern und die spezielle Atmosphäre auf diesem Wegstück genießen. Etwa 15 Minuten vor Erreichen der Altstadt legten wir noch einmal eine Pause ein. Wir setzten uns zu Spaniern in ein Lokal, die dort Mittagspause machten. Wir gönnten uns in Ruhe ein Menü und nahmen nochmals am spanischen Alltagsleben teil. Dann machten wir uns auf zum Endpunkt unserer Reise. Auf den letzten Schritten zur Kathedrale trafen wir unerwartet auf Pilger, die wir unterwegs kennengelernt hatten. Sie waren schon gestern hier eingetroffen. Sie klärten uns darüber auf, dass wir mit unseren Rucksäcken die Kathedrale nicht betreten durften. Wir beschlossen, die Rucksäcke zunächst in unser neues Quatier, ein Priesterseminar, zu bringen.  Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, kehrten wir zurück und genossen die auf dem Vorplatz der Kirche zu spürende Lebenfreude. Es wurde getanzt und gesungen. Manche saßen in der Sonne und schauten nur zu, andere erzählten von sich. Es war eine gute Stimmung und auf einmal war es nicht mehr wichtig, woher du kommst, wie alt du bist oder welche Farbe deine Haut trägt, auf einmal war einfach nur Frieden.

Freudentanz.