Wehmut und Freude

 Tag 10.  Santiago und Abflug. Im Priesterseminar, in dem wir unsere Übernachtung gebucht hatten, schliefen wir schlecht. Zu viele Menschen verbrachten dort die letzte Nacht auf ihrer Reise. Man hatte den Mitpilgern, die man unterwegs kennengelernt hatte und die nun ebenfalls in dem Seminar nächtigten, so einiges zu erzählen. Es wurde die ganze Nacht getuschelt, gelacht oder gesungen. Türen wurden geöffnet und fielen geräuschvoll wieder zu. Je länger die Nacht dauerte, je mehr zeigte der in Mengen getrunkene Wein seine Wirkung. Mir war in dieser Nacht der Schlafsack einfach zu eng. Am liebsten wäre ich nochmal in den wunderschönen Park gegangen, hätte gerne nochmal einen Blick in den Sternenhimmel geworfen. Aber das ging leider nicht. Das Gebäude wurde um Mitternacht abgeschlossen. Man konnte es zwar verlassen, kam dann aber nicht mehr herein. So lauschte ich den Geräuschen und den Stimmen. Am Morgen erwachte bereits sehr früh das Leben auf den Fluren. Je nach dem, wie man die Nacht überstanden hatte, huschten die einen agil über die Gänge, von den anderen war nur ein müdes Schlurfen wahrnehmbar. Svetlana und ich waren schnell fertig. Ein letztes mal packten wir unsere Rucksäcke, ein letztes mal zogen wir unsere Wanderschuhe an, ein letztes mal schulterten wir unser Gepäck und ein letztes mal liefen wir los. Es tat gut, die frische Luft einzuatmen und den schönen Park Richtung Altstadt zu durchqueren. Es war Samstag. Zahlreiche Spanier begegneten uns mit ihren Einkäufen. Sie kamen uns mit Kisten und Tüten entgegen, gefüllt mit allerlei - teils uns nicht bekannten - Gemüsearten. Ein Wochenmarkt schien wohl in der Nähe zu sein. Wir suchten ein Café auf, bestellten ein Frühstück und beobachteten das Treiben auf den Straßen. Die Leute begrüßten, umarmten, küssten sich, hielten einen kurzen Plausch, um sich dann wieder herzlich zu verabschieden. Man hatte den Eindruck, dass hier jeder jeden kennt. Man ging im positiven Sinne sehr emotional mit einander um. Meine Gedanken wanderten zurück nach Deutschland. In welcher Atmosphäre erledigen wir unsere Einkäufe? Ich denke, es geht bei uns deutlich anonymer zu. Natürlich kennt man auch bei uns den einen oder anderen und grüßt entsprechend. Umarmungen oder eine Begrüßung per Kuss sind aber eher selten. Hier schienen alle zu einer großen Familie zu gehören. Man freute sich, sich zu sehen. Ob es die besondere Stimmung in Santiago ist, die dieses Verhalten so herzlich macht? Oder sind Spanier einfach so? Wir überlegten, wie wir heute am Besten zum Flughafen kommen. Unseren ursprünglichen Plan, mit dem Bus zu fahren, gaben wir schnell auf. Wir hatten keine Lust, uns zu einer Haltestelle des Flughafenbusses durchzufragen. Auch der zwei Kilometer entfernte Bahnhof erschien uns viel zu weit, um sich nach dort durchzuschlagen. Wir entschieden uns, ein Taxi zu nehmen. Vielleicht - so unsere Überlegung - finden wir ja noch jemand, der mit uns fahren möchte und sich an den Kosten beteiligt. Ich stellte unser Anliegen in meine Facebookgruppe "Jakobsweg" ein. Und siehe da, schon bald meldete sich ein Interessent, der noch im Bus von Finisterre nach Santiago saß. Er sei zwar noch unterwegs und wolle in Santiago noch etwas shoppen gehen. Unser Angebot, gemeinsam im Taxi zum Flughafen zu fahren, nehme er aber gerne an. So unkompliziert kann das Leben sein. Ich sendete ihm unseren Standort, wo wir uns später auch trafen. In den letzten Stunden in Santiago begegneten wir immer wieder bekannten Gesichtern. Wir unterhielten uns mal hier und mal dort. Natürlich nicht immer in der gleichen Sprache. Aber Sprachbarrieren kennt man nach den von uns gemachten Erfahrungen auf dem Jakobsweg ja (fast) nicht. Es klappt, ich kann es nicht erklären, aber es klappt. Dann ging es noch einmal in die Kathedrale zu Jakobus. Dort hieß es, ihn ein letztes Mal zu umarmen, seine Sorgen und Nöte vorzutragen, sich für seinen Schutz auf dem Weg zu bedanken und sich schließlich zu verabschieden. Ja, das war es nun. Nein, nicht ganz. Wir hatten das Glück, noch ein ganz besonderes Erlebnis mitnehmen zu dürfen. Wir hatten die Gelegenheit, das Schwenken des Botafumeiros mitzuerleben. Dieses Weihrauchfass ist 54 kg schwer und wird von acht Tiraboleiros ins Schwingen gebracht. Vereinzelt sind hier schon Pannen aufgetreten, glücklicherweise jedoch jeweils ohne Personenschäden. Im Jahr 1499 löste sich das Weihrauchfass vom Seil und stürzte durch ein Fenster im Südportal auf die Plaza de las Platerías. Weitere Zwischenfälle ereigneten sich 1622, 1925 und 1937. Die Tradition mit dem Weihrauchfass entstand im Mittelalter. Damals war es der strenge Geruch der großen Pilgergruppen, die das Weihrauchfassschwenken notwendig gemacht haben. Sonst wäre der feierliche Rahmen der Pilgermesse am Gestank der Wallfahrer erstickt. Deshalb wird noch heute das Fass mit einer Geschwindigkeit von 65 km/h durch das Querschiff der Kathedrale geschwungen. Durch die benötigte Kohle, die hohe Menge an Weihrauch und durch den Verschleiß der schweren Seile werden hohe Kosten verursacht. Deshalb wird das Weihrauchfass heute nur noch an wichtigen Feiertagen und zu bestimmten Anlässen geschwenkt. Aber jeder kann das Botsfumeiro gegen einer entsprechende Spende "fliegen" lassen. Zum Teil übernehmen auch die Stadt, die Handelskammer oder die Hotels die Kosten. Nach diesem eindrucksvollen Schauspiel wurde es dann wirklich Zeit, sich zum Treffpunkt zu begeben und zum Flughafen zu fahren. Zum Schluss noch ein Zitat von Nelson Mandela: "Der Friede sei heute mit dir. Mögest du darauf vertrauen, dass du genau dort bist, wo du sein sollst. Vergiss nicht die unendlichen Möglichkeiten, die in dir und anderen geschaffen wurden. Mögest du die Gaben, die du erhalten hast, nutzen und die Liebe, die du bekommen hast, weitergeben. Sei zufrieden mit dir selbst, so wie du bist. Lass diese Gewissheit tief in dich eindringen und erlaube deiner Seele die Freiheit zu singen, tanzen, lobpreisen und lieben." Das gilt für jeden von uns. Mein Schlusswort für diese Reise lautet wie folgt: "Es gibt viele Dinge mit denen wir Haushalten müssten, um die Schönheit unserer Welt zu erhalten. Es lohnt sich dafür zu sorgen, dass unser Planet auch in Zukunft lebenswert bleibt. Nicht selten sind wir uns dessen nicht bewusst. Aber es gibt etwas, was unsere Welt schöner, lebenswerter und friedlicher machen kann. Es ist die Liebe. Sie ist unendlich und unerschöpflich. Dennoch gehen wir sehr sparsam mit ihr um. Lasst die Liebe frei fließen, es gibt mehr als genug für jeden davon!"

Das schwenken des Weihrauchs Fass